September 2017
Wahrheit als Luxus

In den schönen Räumen von Ginetta haben wir über das Thema “Wahrheit als Luxus” gesprochen. Obschon wir uns im Informationszeitalter bewegen, scheint Wahrheit ein rares Gut zu werden. In Zeiten, wo sich Fake News zunehmend zum Phänomen entwickelt, wollen wir der Frage nachgehen, wie schwierig es ist, zu wissen, ob etwas den Fakten entspricht. Journalisten haben in unserer Gesellschaft die Aufgabe, der Wahrheit nach zu spüren. Wie schon diskutiert, ist das Publishing Geschäftsmodell auf dem absteigenden Ast, so dass teure oder langwierige Recherchen zum Luxus werden. Dazu stehen Redaktionen im Tagesgeschäft unter Druck, möglichst schnell zu reagieren, was einer fundierten Recherche oft widerspricht.

Wenn man weniger an wahre Tatsachen, sondern interessiert ist, Desinformation zu verbreiten, sind es heute glänzende Zeiten. Dank dem Internet war es nie einfacher, irgendwelche erfundene Geschichten unter die Leute zu bringen. Eine unangenehme Wahrheit kann mit vielen komplett diametralen Auslegungen oder Unwahrheiten begraben werden. Automatisierte Bot-Armeen werden heute eingesetzt, um die öffentliche Meinung zu den eigenen Gunsten zu verschieben.

Konrad Weber, Multimediaredaktor bei SRF News, führte durch den Abend und moderierte die Beiträge von Peter Exinger, Thurgauer Zeitung, Oliver Reichenstein, Information Architects und Oleg Lavrosky, Opendata.

Peter Exinger, der in diversen grossen Zeitungsblättern gearbeitet hat, berichtete von einigen Artikeln, bei denen die Thurgauer Zeitung sich den Luxus leistete, über eine längere Periode zu recherchieren. Ein solche Artikelserie widmete sich zum Beispiel der historischen Aufarbeitung der Psychiatrie in Münsterlingen und dessen ehemaligen Leiter Roland Kuhn. Solche Artikel können bewirken, dass die Kantonsregierung die Aufarbeitung der Psychiatrie-Geschichte, etwa von illegalen Medikamentenversuchen, auslöst. Es ist so, dass längere und tiefere Recherchen zum grössten Teil von Printredaktionen vorgenommen werden, weil im Print eine gewisse Zahl von leeren Seiten gefüllt werden müssen und etwa Lokaljournalisten weniger flexibel als Online-Journalisten sind. Da die Zahlen der Print-Abonnenten konstant sinken, stellt sich die Frage, wer in Zukunft diese Recherche-Funktion übernehmen wird.

Wie Harald Taglinger richtig bemerkte, ist die Tiefe, mit der Peter Exinger recherchiert (und vorallem als Blattmacher der Thurgauer Zeitung recherchieren lässt), im Vergleich zu den Leserzahlen der Thurgauer Zeitung eigentlich gar nicht mehr finanzierbar. Eine schön tönende Geschichte ohne tiefe Recherche lässt sich viel billiger produzieren.

Wenn es im Journalismus oft um das Ausgraben von Fakten geht, ist Wahrheit für uns Menschen von politischer, ethischer, ja, existenzieller Bedeutung. Wahrheit ist kein bloss wissenschaftlicher Begriff. Was wirklich ist und was nicht, geht weit darüber hinaus, was mess- zähl und wägbar ist. In unserem täglichen Austausch sind Wahrheit und Lüge nur sehr selten selten wissenschaftliche Begriffe. Oliver Reichenstein hat anhand der Geschichte der Thurn und Taxis und der Rotschilds aufgezeigt, wie ein Wahrheitsvorsprung einerseits zur Bereicherung weniger, andererseits zur Instrumentalisierung vieler eingesetzt wurde und wird. Technologie ist ein Verstärker, und wird also auch als Verstärker solcher Instrumentalisierungen verwendet. Olivers Beitrag war sehr tiefschürfend und die längere Zusammenfassung findet sich hier.

Wissen war immer schon ein wichtiger Machtfaktor. Oleg Lavrovsky setzt sich für Transparenz ein und dafür, möglichst viele Daten öffentlich zugänglich zu machen. Er mitbetreibt Opendata.ch, die Schweizerische Sektion von Open Knowledge International und School of Data, und organisiert damit Anlässe, wo sich Interessierte mehr Kompetenz im Umgang mit Daten und Datenquellen aneignen können. So gibt es diverse Tools, die einem bei online Recherchen unterstützen können. Für Oleg Lavrovsky sind wir technisch an einem interessanten Punkt, wo wir, unter anderem, Blockchain-basierten Technologien für das Verifizieren von Fakten nützen könnten. In einem global verfügbaren Verzeichnis könnten Fakten und unterliegende Datensätze mit einer schwer gefälschten Identifikationsnummer (Hash) versehen werden. Theoretisch wären Fake News dann nicht mehr möglich, wenn man vom Problem der Deutung der Fakten absieht. Zu einer wirklich transparenten Gesellschaft ist es aber noch ein langer Weg. Wenn man sich die Zahlen aus einem globalen Vergleich anschaut, steht die Schweiz momentan auf dem 47 Platz. In manche andere Länder auf dieser Liste ist Öffentlichkeit ein wichtiger politischer und wirtschaftlicher Treiber – auch in der Schweiz könnte Transparenz und Effizienz viel mehr gefördert werden durch besseren Zugang zu Daten von Landeigentum oder Regierungsausgaben, laut Oleg.

Wir scheinen mit dem Internet in einen Überfluss von Information zu schwimmen. Doch wenn man genauer hinschaut, ist es oft nicht klar feststellbar, ob eine Information stimmt und welche Interessen dahinter verbergen. Der Journalismus hat in unserer Gesellschaft die wichtige Funktion, Klarheit in der Information zu schaffen. Doch die dazu nötigen Recherchen können oft nicht mehr geleistet werden. Vielleicht werden in Zukunft andere Akteure wie Hacker oder Wiki-Leaks das Vakuum füllen. In der momentanen Situation ist es oft schwierig, herauzufinden, was Fakt ist. In den letzten Wahlkämpfen hat sich gezeigt, wie das öffentliche Narrativ manipuliert werden kann. Gleichzeitig sammeln grosse Firmen wie Google oder Facebook grosse Datenmengen über ihre User an. Paradoxerweise scheinen sich die wirklich wichtigen Informationen vom öffentlichen ins Proprietäre zu verschieben. Auch ist nicht sicher, ob wir uns als Gesellschaft in die Richtung von Transparenz bewegen. Die technischen Mittel hätten wir, um Klarheit zu schaffen. Ob wir wirtschaftlich oder politisch ein Interesse haben, uns in diese Richtung zu bewegen ist eine andere Frage.

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