Februar 2017
Vertrauen und Blockchain‎ Contracts

Das Digital Shift Event zu Vertrauen und Blockchain‎ Contracts fand am 8. Februar 2017 im Museum of Digital Art statt. Vertrauen ist ein sehr wichtiger wirtschaftlicher Faktor. Wirtschaftsräume, in denen die unterschiedlichen Akteure sich vertrauen, sind in der Regel erfolgreicher. Zu Beginn war das Internet für viele noch nicht ein nicht sehr vertrauenswürdiger Ort. In der Zwischenzeit hat sich das verbessert, dadurch, dass man erkennen kann (hoffentlich), wer hinter einem Profil, einem Service, einer Website steckt. Auch haben die Service-Anbieter die User “anerzogen” Services übers Internet zu erledigen (zB Bankgeschäfte). Bitcointechnologien insbesondere Smart Contracts können in Punkto Vertrauen grosse Verbesserungen bringen.

André Wolke, validitylabs.org, leitete den Abend ein mit der Erklärung, wie eine Blockchain aufgebaut ist und durch welche Eigenschaften sich diese Technologie auszeichnet:

Die Blockchain ist eine verteilte Datenbank, die nicht nachträglich manipuliert werden kann.

Ein Smart Contract ist ein Programm, das auf der Blockchain gespeichert und ausgeführt. Das Spezielle daran ist, dass wenn ein Smart Contract ausgelöst ist, nicht mehr gestoppt werden kann und so lange läuft bis zum Beispiel das hinterlegte Geld erschöpft ist. Als Anwendungsgebiete für Smart Contract sieht André Potential im Versicherungswesen, wo zum Beispiel eine Police automatisiert im Schadensfall eine Ausschüttung auslöst. Allerdings würden Smart Contract Anwälte nicht ersetzen, sondern diese würden sogar mehr Arbeit haben. André sieht für die Blockchain Technologie ein grosses Potential im Bereich Escrow (Treuhandservice), wo Zwischenmänner ausgeschaltet werden. Der Escrow Markt setzt 1.5 Trillionen im Jahr um.

Als Bitcoin Core Developer hat Jonas Schnelli als einer von 4 Personen das Recht, den Bitcoin Code zu ändern. Für Jonas ist eine Blockchain immer gekoppelt mit einer virtuellen Währung. Es gibt verschiedene virtuelle Währungen, wovon Bitcoin das bekannteste ist und die grösste Marktkapitalisierung hat. Ein wichtiges Prinzip bei Bitcoin ist, dass es ‘Trustless’ ist, d.h. man muss nicht dem Empfänger oder der Bank vertrauen, ob das Geld transferiert wurde. Anstelle Personen und Institutionen vertraut man auf das System selbst und dem Bitcoin-Community-Consensus. Das sind (zur Zeit) Strukturen die vollkommen unabhängig von Recht und Staatlichkeit funktionieren. Zudem gibt es nicht die Gründerfigur, die als Autorität Änderungen durchbringen kann oder bei der man Wünsche zukommen lässt, weil sie anonym ist. Im Grunde ist der Bitcoin selbst ein Smart Contract. Wenn man Bitcoin Paypal gegenüberstellt, fällt auf, dass Nutzer keiner Autorität oder Institution vertrauen müssen, dass sie selbst die Bank sind, weil die Gelder direkt beim Nutzer ist, sowie dass es ein verteiltes System ist. Jonas vergleicht den Bitcoin mit dem “Internet für Werte Transport”. Der Ausblick von Jonas für die Bitcoin ist, dass diese Technologie in unserem Alltag verankert sein wird. Man kann sich ein Gedankenexperiment mit Google, Uber und Bitcoin machen, wo selbstfahrende Autos automatisch vor dem Büro rechtzeitig den User abholt und mit Bitcoin bezahlt wird als Alternative zum eigenen Auto, öffentlichen Verkehr oder Taxi.

Für Daniel Diemers, Strategy& PwC, ist klar, dass jede wirtschaftliche Aktivität ein gewisses Ausmass an Vertrauen voraussetzt, damit sie überhaupt zustande kommt. Vertrauen ist gemäss Niklas Luhmann auch immer eine riskante Vorleistung. Daniel lässt das Publikum ein Gedankenexperiment machen: Stellt Euch vor, Ihr werdet morgen pensioniert und erhält die gesamte Pensionskasse zuzuglich 20%. Worin würdet Ihr investieren: in CHF-Werte oder in Bitcoin? Darauf folgt die Frage: Wenn Ihr jetzt aber in Argentinien lebt und und mit explodierenden Inflation vor der gleichen Situation steht, würdet Ihr in die lokale Währung oder Bitcoin investieren? Daniel zeigt, wie Vertrauen aus mehreren Schichten besteht: Zwischenmenschliches Vertrauen, geschäftliche Verhaltensregeln, Vertrauen in die Gegenpartei, Regulierung, gesetzliche Rahmenbedingungen, Vertrauen in Institutionen.

Es ist durchaus denkbar, dass in Zukunft Strukturen geschaffen werden, damit Bitcoin mit gesetzlichen Bedingungen vereint werden kann, um die rechtliche Durchsetzbarkeit zu garantieren. Zur Zeit ist das aber noch nicht der Fall. Da Bitcoin grosse Effizienzgewinne erlaubt, wird sie in immer mehr Bereiche unseres Lebens fliessen. Das heisst in Zukunft wird es sich stark verändern, in wen und was wir vetrauen: zum Beispiel Vertrauen in die Peer-to-Peer-Crowd, Vertrauen in Human-Machine-Interfaces, Vertrauen in Bots und so fort.

Martin Steiger stellt die Frage, ob ein Smart Contract ein Vertrag im rechtlichen Sinn ist und verneint sofort. In einem Rechtsstaat besteht zwar Vertragsfreiheit und Verträge können grundsätzlich formfrei geschlossen werden. Aber ein Vertrag setzt immer übereinstimmende gegenseitige Willensäusserung der Parteien voraus. Deshalb stimmt für Martin die Gleichung «Code = Law» nicht. Wer den Code nicht versteht, kann somit seinen Willen nicht äussern. Smart Contracts können aber für die automatisierte und vereinfachte Vertragserfüllung genutzt werden. Dabei müssen die Grenzen der Vertragsfreiheit sowie die Fragen von Haftung und Kontrolle beachtet werden. Angesichts der dezentralen Blockchain ist ausserdem offen, welches Gericht im Streitfall zuständig ist – sofern ein Gericht ohne Beizug von Sachverständigen überhaupt über einen Smart Contract entscheiden kann. In jedem Fall ist für Martin ein Smart Contract ohne Haftung nicht sinnvoll: Kein Vertrauen ohne Haftung.

Bei der Diskussion stellte Clemens Schuster die spannende Frage, ob jetzt mit Bitcoin eine Alternative (in den 1980er entstand die Parallelwährung des Wir Dollar, weil Banken keine Kredite mehr vergeben konnten) zum bisherigen Währungssystem geschaffen wurde, die vielleicht tragbarer ist als das Geldsystem. Denn das von Banken geschaffen virtuelle Buchgeld übertrifft alle realen Geldwerte im Verhältnis von 9:1. Daniel Diemers meinte, dass es wohl bald soweit sei, dass theoretisch vollständig parallele Währungssysteme entstehen könnten unabhängig vom Staat oder von Banken. Es lässt sich aber natürlich nicht voraussagen, ob parallele Währungsstrukturen sich etablieren können.

Aus der Schweizer Perspektive besteht zur Zeit kein grosser Handlungsbedarf für die Blockchain Technologie, denn die Schweiz hat eine sehr stabile Währung, und die Bewohner vertrauen stark auf die Institutionen und die Rechtsordnung. Wenn man andere Staaten betrachtet, wie zum Beispiel im Gedankenexperiment mit Argentinien, sieht die Situation völlig anders aus.

In der Diskussion wurde klar, dass die Blockchain einen grossen Einfluss haben wird, wie in Zukunft unsere Welt organisiert wird. Schon das Internet hat die Bedürfnis für Zwischenhändler verringert. Man kann sich den Commodity Transport vor Augen führen, der aktuell sehr manuell und langwierig ist und viele verschiedene Branchen involviert wie Handelsfinanzierung, Logistik, Zölle, als Intermediäre alle wegfallen könnten. Mit der Blockchain sind Strukturen wie Währungen, Versicherungswesen, staatliche Institutionen komplett anders denkbar. Es ist aber klar, dass wir uns immer noch in einer sehr frühen Phase befinden, in der wir uns erst entscheiden müssen, ob wir rechtlich, politisch und gesellschaftlich autonomen Systemen vertrauen wollen; sowie ob wir diese als integralen Bestandteil unserer Gesellschaft akzeptieren wollen.

Weitere Quellen:
John Plansky, Tim O’Donnel, Kimberly Richards: A Strategists Guide to Blockchain, 2016
Deloitte: Blockchain and the Democratization of Trust, 2016
Michael Casey: The Blockchain: Decentralized trust to unlock a decentralized future, 2016
BCG: Thinking outside the blocks
Daniel Diemers: 5 Thesen zu Blockchain, 2016
Daniel Diemers: NZZ TV – Blockchain Technologie rückt ins Rampenlicht (video), 2016
Slides: Jonas Schnelli
Slides: Daniel Diemers
Slides: Martin Steiger