März 2015
Sinkende Hürden

Am 5. März 2015 diskutierten wir bei Liip zum Thema „Sinkende Hürden“. Zunehmend einfacher bedienbare digitale Tools in den verschiedensten Anwendungsbereichen führen dazu, dass die Hürden überall sinken. Sinkende Hürden heisst, dass es für mehr Leute einfacher ist, zum Beispiel eine Website selbst zu produzieren und zu verbreiten. Auch Digital Shift selbst ist dank solcher Tools (WordPress, Mailchimp) möglich. Aber sinkende Hürden haben auch zur Folge, dass bestehende Märkte schrumpfen. So verspricht thegrid Webseiten automatisch mit Hilfe künstlicher Intelligenz zu generieren, ohne dass es einen Programmierer oder Designer braucht. Sinkende Hürden ermöglichen somit eine Do-It-Yourself Kultur und alternative Geschäftsmodelle.

Der Architekt und Designer Antonio Scarponi zeigt, wie er genau diese neuen Mechanismen nutzt, um völlig anders zu gestalten. Anstelle von Produkten, entwirft er Anleitungen, wie Alltagsgegenstände umgenutzt werden können. Sein Buch ELIOOO  zeigt wie man aus IKEA Bestandteilen einen hydroponischen Garten bauen kann. Damit erzeugt er als Designer nicht mehr ein fertiges Produkt, sondern er verkauft ein Buch mit Anleitungen. Da IKEA weltweit Verkaufsflächen und dazu ein sehr kundenfreundliches Rückgabesystem hat, ist das auch gleichzeitig ein globales, fast kostenloses Distributionsnetz für den hydroponischen Garten. Solche Hacking-Strategien ermöglichen es, bestehende Ressourcen und Produkte umzunutzen. Die Welt ist von Produkten übersättigt, darum muss sich ein Designer neu positionieren. Antonio sieht den Mehrwert, den ein Designer produzieren kann, mehr im Eröffnen von Handlungsmöglichkeiten und im Erzählen von neuen und spannenden Geschichten.

Buch

Simon Grand forscht an der Universität St. Gallen  HSG und an der Zürcher Hochschule der Künste ZHdK. Als Managementforscher und Strategiedesigner beschäftigt er sich beispielsweise mit der Frage, was es braucht, damit eine Idee unternehmerisch Impact erzielen und zu einem erfolgreichen Produkt werden kann. Er beleuchtete aus dieser Perspektive, wie sich sinkende Hürden auswirken können, und was daraus für die unternehmerische Praxis folgt. Um festzustellen, welche Effekte sinkende Hürden auf unternehmerische Prozesse haben, muss zuerst geklärt werden, welches die relevanten unternehmerischen Prozesse sind. Simon Grand verdichtete diese in 9 Prozesse, die in ihrem Zusammenspiel wichtig sind:

1. Ideen entwerfen, die es so noch nicht gibt.

2. Diese Ideen anhand vieler Prototypen durchspielen.

3. Diese Ideen und Prototypen beurteilen und bewerten.

4. Durch Experimente den Weg der Umsetzung konkretisieren.

5. Eine Organisation schaffen, die diese Prozesse immer wieder neu möglich macht.

6. Die notwendigen Ressourcen mobilisieren. Dabei ist zu beachten: woher kommen die Ressourcen, denn wie diese mobilisiert werden, schränkt die Handlungsmöglichkeiten immer auch ein.

7. Ideen in Serie umsetzbar machen.

8. Umgesetzte Ideen verbreiten.

9. Ideen skalieren.

Betrachtet man diese unternehmerisch wichtigen Prozesse, dann wird deutlich, dass das Digitalisierung jeden einzelnen unterstützen kann. Durch diese neue Möglichkeiten entsteht viel Neues. Viele spannende und radikale Ansätze von Designern und Künstlern werden aus dieser Sicht deshalb nicht umgesetzt, sondern primär in Galerien und Magazinen gezeigt ohne allzuviel Impact in der Wirtschaft, weil nicht alle Prozesse genügend systematisch adressiert worden sind.

In der weiteren Diskussion wurden die Überlegungen von Antonio Scarponi und Simon Grand für verschiedene Beispiele durchgespielt: Branchen wie zum Bespiel der Journalismus etwa, die durch die sinkenden Hürden stark geöffnet und verändert wurden, müssen neue Wege finden, um qualitativ hochstehende intellektuelle Leistungen auch zukünftig sicherzustellen. Traditionelle Publikationen verdienen immer weniger und selbst hochangepriesene Publikationen wie WIRED haben kaum den Impact eines guten Blogs. Ähnliches kann man in der Software Branche beobachten. Dadurch, dass es so einfach ist, eine App zu programmieren, ist der App-Markt übersättig und es ist schwierig, die nötige Aufmerksamkeit zu erzeugen (Diskussion zur Aufmerksamkeit).

Entsprechend wandelt sich das Verhältnis zur Qualität und damit das Verständnis von Qualität. Ein Produkt, das man selbst erzeugen kann, gewinnt dadurch einen höheren Stellenwert in den Augen des Produzenten. Je mehr selbst Erzeugtes öffentlich sichtbar ist, desto salonfähiger werden solche Erzeugnisse.

Das Sinken der Hürden erschliesst also auch (neue) Gelegenheiten. In der entwickelten Welt wird die Produktion oft ausgelagert, mit der Überlegung, Ideen werden hier gefunden, die Werkbank geht aber in ein billiges Entwicklungsland. Dabei geht wichtiges Produktions-Knowhow verloren, das für die Kreation neuere Ideen und Ansätze eine wichtige Voraussetzung sein kann. Mit neuen, einfachen, digital unterstützten Produktionsmöglichkeiten ist es denkbar, dass lokal, sogar urban produziert wird. Das könnte Design und Produktion auf neuartige Weise zusammenführen und Chancen eröffnen für neue Entwicklungen („urban made“).

Weitere Links:

Creative Mornings
Antonio Scarponi, We Need to Reinvent our Design Tools

The RSA
Alastair Parvin on Design and Democracy

Freakonomics
How safe is your job

Tech Weekly
The app generation – good or bad?

Brainwaves
Fifteen year old invented an inexpensive early detection test for cancers

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