Februar 2016 
Context aware information

Mit User Tracking, Machine Learning und statistischer Auswertung kann man sehr viel über die User und ihre Interessen erfahren. Diese Methoden werden meist genutzt, um gezielte Werbemassnahmen durchzuführen. Doch sind die Anwendungsbereichen viel breiter und interessanter: Mit dem Google Now kann man auf dem Heimweg benachrichtigt werden, wo dichter Verkehr, bevor man in den Stau reinfährt, weil Google weiss, was für den User zu diesem Zeitpunkt relevant ist.

An diesem Digital-Shift diskutierten wir über den aktuelle Stand der Technologie, mögliche Usecases und das Potential von kontextspezifischer Information. Andreas Amlser von Liip und Gründungsmitglied von Opendata.ch führte durch den Abend.

Dominique Genoud, Partner bei Datastory und Professor an der University of Applied Sciences (HES-SO Valais), führte in das Thema “Context aware information” und gab einen Überblick, was jetzt technisch schon möglich ist. Datamining hat es immer schon gegeben, aber im Vergleich zu früher wo die Daten punktuell erhoben wurden, haben wir unendlich viel mehr Daten, weil einerseits die Datenquellen anstiegen und andererseits die Daten selbst kontinuierlich erfasst werden. Die Daten erhalten so eine geografische und temporale Dimension. Grundsätzlich ist es so, dass die Algorithmen besser funktionieren, je mehr Daten zur Verfügung stehen.

Christian Schwengeler, Inhaber von anthrazit, zeigte mit CityMobile, wie jetzt schon eine Applikation Context aware information anzeigt. So bekommen Kultur-Interessierte eine Nachricht von einem Museum, wenn sie sich in dessen Nähe befinden und auch wenn sie von diesem noch nichts wissen.

In Zusammenhang mit der Datenerhebung stellte Christian noch einige kritische Fragen, insbesondere, wem die erhobenen Daten gehören. Er fragt auch, ob Kontext-Awareness der Apps durch Big Data dem User wirklich einen Vorteil bringt oder ob das Versprechen von Convenience von den grossen Service-Anbieter wie Facebook oder Google eher ein Vorwand ist, um konstant an die Daten der User zu heranzukommen. Ein Hauptgrund der dafür spricht ist, dass die Anbieter (Google, Facebook & Co) enorm viele Daten vom Smartphone des Users sammeln aber dem User nicht herausgeben wollen.

Martin Naumann, Software Engineer bei Archilogic, hat Google Now vorgestellt. Google Now ist ein Assistent, der grundsätzlich in jedem Android Phone integriert ist. Es zeigt alle verfügbaren Informationen zur Location an, bringt auch Push-Notifikations für Buchungen und ähnliches an, so dass man daraus auch Aktionen auslösen kann. Grundsätzlich wäre es ein Tool, das Unternehmen nutzen könnten, um ihren Usern kontext-aware Angebote zu unterbreiten. Aber man kommt als (kleines oder europäisches) Unternehmen gar nicht in Google Now rein, denn es ist noch ein “Closed Beta”, wo nur von Google Auserwählte den Zugang erhalten. Trotzdem könnte ein Unternehmen seine Informationen in “Google Now Format” aufbereiten, denn Google will es als Standard durchsetzen. Es ist jedoch fraglich, ob dies vorteilhaft ist, denn das Unternehmen übernimmt für Google die Formatierungsaufgabe, die Daten fliessen jedoch unidirektional ab und zudem weiss man nicht einmal, ob die Informationen wirklich an den User so ankommt. Zudem sind die Usecases limitiert auf Event-Buchung, Hotel-Reservation und ähnliches. Als User ist es auch fraglich, wie praktisch Google Now ist, denn man erleidet einen Kontrollverlust. Es ist ein System, das für den User Annahmen trifft, aber wenn die Annahmen nicht stimmen, hat man als User keine Feedback-Möglichkeiten. Auch will es zum Beispiel bei einer Reise aus der Schweiz nach Deutschland von Deutsch auf Deutsch übersetzen. Kritisch ist auch, weshalb alle Daten überhaupt an Google fliessen, denn die mobilen Geräte besitzen heutzutage genügend Leistung, um die Berechnungen durchzuführen und die Daten nur von Fall zu Fall an die Anbieter für weitere Berechnungen weiterzuleiten.

Bei der Diskussion im Anschluss kristallisierten sich wichtige Fragen: Wem gehören die Daten? Wem kann man vertrauen und die Daten anvertrauen? Momentan hat man weder als Normalbürger noch als Unternehmen Zugriff auf die erhobenen Daten oder Feedback-Möglichkeiten. Ein Punkt von Matthias Sala aus dem Publikum ist auch, dass wir etwa 10 Jahre hinter den angebotenen Diensten in den USA sind. Allerdings sind die angebotenen Dienste dort einiges fortgeschrittener und für die User wirklich praktisch.

Grundsätzlich ist es so, dass man mit Context-Aware Technologien praktische Dienste bauen und anbieten kann. Es stellt sich auch heraus, dass Convenience ein viel stärkerer Treiber ist als Datenschutz. Für Convenience geben oft viele User vielleicht etwas unüberlegt ihre Daten her. In der Kommunikation ist “context aware” der heilige Gral. Alles was dem Kontext entspricht, ist relevante Information. Alles was dem Kontext nicht entspricht, wird als störender Lärm empfunden. Da aber zur Zeit noch keinen de facto Standard gibt, ist es schwierig mehr als einige schmale Usecases umzusetzen. Sobald aber zwei oder mehr der grossen Anbieter sich auf einen Standard einigen, wird Context aware media essentiell.




Das Treffen fand am Donnerstag 18. Februar 2016 bei Swisscom statt.
Videos Produktion, Jennifer Bächtold, Liip

Weitere Quellen

the Guardian
Meet Viv: the AI that wants to read your mind and run your life

Futurezone
Google-Now-Chefin: “Die Information findet die Nutzer”

Google Developers
Google Schemas

Heise
Handy-Daten liefern tiefe Einblicke in Gesellschaften